Tatzeitraum & Opfer
Modus Operandi & Motive
Rechtliches
Zum Bild (externer Link)
Kaspars Petrovs
Kaspars Petrovs wurde in Grobiņa, Lettland, geboren. In den verfügbaren Quellen finden sich unterschiedliche Angaben zu seinem Geburtsjahr, insbesondere 1976 und 1978.
Petrovs selbst schilderte später, dass er sich innerhalb seiner Familie häufig vernachlässigt und nicht ausreichend beachtet gefühlt habe. Während seines Prozesses erklärte er außerdem, bereits früh das Gefühl gehabt zu haben, anders als andere Menschen zu sein. Diese Angaben stammen jedoch überwiegend aus seinen späteren eigenen Schilderungen und sollten deshalb nicht als objektiv festgestellte Tatsachen über seine Kindheit dargestellt werden. Mit seinem familiären Umfeld kam es zu Konflikten. Als junger Erwachsener geriet Petrov zunehmend auf die schiefe Bahn und wurde 1998 erstmals wegen Diebstahls verurteilt.
In den folgenden Jahren verschlechterten sich seine persönlichen und sozialen Verhältnisse erheblich. Petrovs lebte zeitweise ohne festen Wohnsitz in Riga und schlief teilweise auf der Straße. Er selbst führte seine Eigentumsdelikte später auf seine schwierige finanzielle Situation zurück. Er gab vor Gericht an, dass er die finanziellen Erwartungen seiner Familie nicht habe erfüllen können und deshalb begonnen habe, Straftaten zu begehen. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch noch nicht bekannt, dass Petrovs später eine Serie schwerer Gewaltdelikte begehen würde.
Nach seiner früheren Verurteilung wegen Eigentumsdelikten verschärfte sich Petrovs soziale Situation weiter. Er lebte mehrere Jahre lang ohne festen Wohnsitz auf den Straßen Rigas. Die späteren Ermittlungen ordneten den Beginn der ihm zugeschriebenen Mordserie überwiegend dem Herbst 2002 zu. Eine lettische Quelle nennt dabei den Oktober 2002 als Beginn. Die Taten konzentrierten sich auf Riga. Petrovs geriet zunächst nicht wegen dieser Mordserie ins Visier der Polizei. Ausgangspunkt waren mehrere Todesfälle älterer Frauen, bei denen zunächst teilweise von einem natürlichen Tod ausgegangen worden war. Bei den späteren Ermittlungen stellte sich heraus, dass mehrere dieser Fälle Gemeinsamkeiten aufwiesen. Die betroffenen Frauen lebten überwiegend allein in ihren Wohnungen und waren meist Rentnerinnen im höheren Alter. Außerdem stellten die Ermittler fest, dass bei mehreren Todesfällen kaum oder keine offensichtlichen Spuren eines gewaltsamen Eindringens vorhanden waren. Dadurch war zunächst nicht unmittelbar erkennbar, dass es sich um zusammenhängende Gewaltdelikte handeln könnte. Im weiteren Verlauf der Ermittlungen verdichtete sich der Verdacht, dass ein Täter gezielt ältere, alleinstehende Frauen in Riga aufsuchte und ihre Wohnungen als Tatorte nutzte. Damit entstand erstmals das Fallbild, das später mit Kaspars Petrovs in Verbindung gebracht wurde. Die entscheidende Spur führte über einen an einem Tatort gefundenen Fingerabdruck, der mit einer polizeilichen Datenbank abgeglichen wurde. Der Abdruck führte zu Petrovs, der den Behörden aufgrund früherer Eigentumsdelikte bereits bekannt war. Damit hatten die Ermittler erstmals eine konkrete Verbindung zwischen dem Verdächtigen und einem der Todesfälle.
Der Abgleich war möglich, da Petrovs den Behörden bereits aus früheren Verfahren bekannt war. Damit entstand erstmals eine konkrete Verbindung zwischen ihm und einem der späteren Mordfälle. Die Polizei nahm Petrovs am 3. Februar 2003 in Riga fest. Nach seiner Festnahme konzentrierten sich die Ermittler darauf, seine mögliche Verbindung zu weiteren Todesfällen zu überprüfen. Dabei wurden ältere Fälle erneut untersucht, bei denen die Opfer unter ähnlichen Umständen gestorben waren. Dadurch weiteten sich die Ermittlungen von einem einzelnen Verdachtsfall zu einer umfangreichen Untersuchung mehrerer Todesfälle aus. Petrovs geriet dabei zunehmend in den Mittelpunkt der Ermittlungen, da sich bei den verschiedenen Fällen Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Opfer und ihrer Wohnsituationen zeigten. Die Polizei begann deshalb, die Todesfälle systematisch miteinander zu vergleichen. Erst diese umfassende Neubewertung machte das tatsächliche Ausmaß des Falls sichtbar. Die Ermittler kamen schließlich zu dem Verdacht, dass Petrovs für eine größere Zahl von Tötungen verantwortlich sein könnte. Der Fokus der Untersuchung richtete sich daraufhin insbesondere auf ältere Frauen, die allein in Riga lebten und deren Wohnungen als mögliche Tatorte in Betracht kamen. Damit begann die Rekonstruktion der Mordserie.
Nach Petrovs’ Festnahme durchsuchten die Ermittler seine Unterkunft und sicherten weitere Spuren. Gleichzeitig wurden die Todesfälle älterer Frauen in Riga erneut systematisch überprüft. Dabei fanden sich in mehreren Fällen Übereinstimmungen, die auf ein gemeinsames Tatmuster hindeuteten. Die Ermittler untersuchten deshalb insbesondere Todesfälle, bei denen ältere, alleinstehende Frauen in ihren Wohnungen aufgefunden worden waren und bei denen zunächst keine eindeutigen Hinweise auf einen Täter vorgelegen hatten. Im Zuge dieser Überprüfung wurden mehr als 30 Todesfälle näher betrachtet. Dabei überprüften die Ermittler medizinische Unterlagen, Tatortspuren und die persönlichen Verbindungen der Verstorbenen. Einige Fälle konnten ausgeschlossen werden, während andere näher mit Petrovs in Verbindung gebracht wurden. Die Untersuchung entwickelte sich dadurch zu einer der umfangreichsten Mordermittlungen in Lettland. Petrovs wurde schließlich mit einer größeren Zahl von Todesfällen in Verbindung gebracht. Die Ermittler gingen zeitweise von bis zu 38 möglichen Opfern aus. Diese Zahl stellte jedoch zunächst lediglich eine Ermittlungsannahme dar und darf nicht mit der später gerichtlich festgestellten Opferzahl gleichgesetzt werden. Im weiteren Verfahren reduzierte sich die Zahl der Fälle, die der Staatsanwaltschaft als ausreichend beweisbar erschienen.
Die Ermittlungen zeigten ein auffallend einheitliches Opferprofil. Bei den Frauen, deren Tötung Kaspars Petrovs später zugerechnet wurde, handelte es sich überwiegend um alleinlebende Seniorinnen in Riga. Viele von ihnen waren Rentnerinnen und lebten in einfachen Verhältnissen. Sie waren für einen Täter wie Petrovs vergleichsweise leicht zugänglich. Er musste keine fremden Wohnungen gewaltsam aufbrechen, sondern konnte nach den Ermittlungen häufig über einen persönlichen Kontakt Zugang zu den späteren Tatorten erhalten. Ein weiteres gemeinsames Merkmal war die soziale Isolation vieler Opfer. Einige von ihnen lebten allein und hatten nur wenige regelmäßige Kontakte zu anderen Menschen. Das Alter der Opfer lag überwiegend im höheren Lebensalter. Gerade diese Kombination aus Alter, Alleinleben und begrenztem sozialen Umfeld machte die Frauen zu besonders gefährdeten Personen. Die Auswahl der Opfer erscheint deshalb nicht zufällig. Den Ermittlungsergebnissen zufolge suchte Petrov offenbar nach Personen, bei denen er mit geringer Gegenwehr und einem vergleichsweise niedrigen Entdeckungsrisiko rechnen konnte. Ein einheitliches persönliches Motiv für die Auswahl jeder einzelnen Frau ist jedoch nicht für alle Fälle dokumentiert. Die Opfer waren somit vor allem durch ihre Lebenssituation und ihre Verwundbarkeit miteinander verbunden.
Die Taten ereigneten sich überwiegend in den Wohnungen der Opfer in Riga. Dadurch musste Petrovs seine Opfer nicht an einen abgelegenen Ort bringen. Die Wohnungen boten ihm zugleich eine kontrollierte Umgebung, in der er die Frauen unmittelbar angreifen und anschließend nach Wertgegenständen suchen konnte. Bei den später untersuchten Fällen wurden die Opfer häufig in ihren eigenen Wohnungen aufgefunden. Die Rekonstruktion der jeweiligen Tatorte unterschied sich jedoch von Fall zu Fall. Die Ermittler stellten außerdem fest, dass sich Petrovs nicht auf einen einzigen Wohnbezirk beschränkte. Die Tatorte lagen an verschiedenen Stellen innerhalb Rigas. Die Verwendung der Wohnungen als Tatorte erschwerte zunächst die Verbindung der einzelnen Todesfälle. Bei einem einzelnen Todesfall in der Wohnung einer älteren, alleinlebenden Frau konnte ein krimineller Hintergrund leicht übersehen werden. Erst der Vergleich mehrerer Fälle offenbarte die Gemeinsamkeiten. Bei den später gerichtlich festgestellten Tötungen wurden die Wohnungen somit zu einem zentralen Element der Tatserie. Sie waren Ort des Angriffs und häufig Schauplatz der anschließenden Suche nach Wertgegenständen.
Den Ermittlungen zufolge verschaffte sich Petrovs Zugang zu den Wohnungen seiner späteren Opfer und griff die Frauen dort an. Die Tötungen erfolgten überwiegend durch Ersticken beziehungsweise Strangulation. In mehreren Fällen wurden zudem Verletzungen festgestellt, die auf körperliche Gewalt während der Angriffe hindeuteten. Nach der Tat durchsuchte Petrovs die Wohnungen nach Geld und Wertgegenständen. Die Ermittler sahen darin einen wesentlichen Bestandteil seines Vorgehens. Das Tatgeschehen war somit nicht ausschließlich auf die Tötung ausgerichtet. Der Täter verband die Gewalt mit einem anschließenden Diebstahl aus dem Besitz der Opfer. Die Wohnungen wurden nach der Tat teilweise durchsucht und Gegenstände entfernt. Dadurch konnte Petrovs einen unmittelbaren materiellen Nutzen aus den Taten ziehen. Allerdings lässt sich ein einheitlicher Ablauf nicht für jeden einzelnen Fall mit gleicher Sicherheit rekonstruieren. Die gerichtsmedizinischen Befunde und die vorhandenen Tatortspuren unterschieden sich voneinander.
Nach den Ermittlungen war das zentrale Motiv der gerichtlich festgestellten Taten Raub beziehungsweise finanzielle Bereicherung. Petrovs suchte gezielt Frauen auf, von denen er annahm, dass sie über Geld oder andere Wertgegenstände verfügen. Nach den Tötungen nahm er Gegenstände und Bargeld aus den Wohnungen der Opfer an sich. Ein persönliches Motiv wie Hass oder eine nachweisbare sexuelle Motivation ist für die gerichtlich festgestellte Mordserie nicht belegt. Die Tötungen standen vielmehr im Zusammenhang mit den Eigentumsdelikten. Die Gewalt diente dazu, die Opfer zu überwältigen, um anschließend ungestört nach Wertgegenständen suchen zu können.
Nach seiner Festnahme wurden die einzelnen Todesfälle detailliert miteinander verglichen. Die Ermittler untersuchten dabei insbesondere die Wohnungen der Verstorbenen, ihre medizinischen Unterlagen und die vorhandenen Tatortspuren. Ein wichtiger Bestandteil der Untersuchung war der Abgleich von Fingerabdrücken und anderen kriminaltechnischen Spuren. So konnten einzelne Tatorte mit Petrovs in Verbindung gebracht werden. Parallel dazu überprüften die Ermittler, welche Gegenstände aus den Wohnungen der Opfer verschwunden waren. In einigen Fällen konnten gestohlene Gegenstände oder andere Hinweise einen Zusammenhang zu Petrovs herstellen. Die Polizei wertete außerdem seine früheren Kontakte und Bewegungen aus. So entstand nach und nach ein immer genaueres Bild davon, welche Wohnungen er aufgesucht hatte und mit welchen Todesfällen er in Verbindung gebracht werden konnte. Im Verlauf der Ermittlungen wurden schließlich 13 Tötungsdelikte als ausreichend belegt angesehen. Damit war die Grundlage für das spätere Strafverfahren geschaffen. Die zunächst deutlich höhere Zahl möglicher Opfer konnte nicht vollständig bestätigt werden.
Nach Abschluss der umfangreichen Ermittlungen wurde Kaspars Petrovs wegen 13 Morden angeklagt. Die Anklage bezog sich auf Todesfälle älterer Frauen in Riga, bei denen die Ermittler eine ausreichende Verbindung zwischen Petrovs und den jeweiligen Taten sahen. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass Petrovs die Frauen aus Bereicherungsabsicht tötete und anschließend ihre Wohnungen nach Geld und Wertgegenständen durchsuchte. Im Gegensatz zu den zunächst untersuchten bis zu 38 Todesfällen beschränkte sich die Anklage somit auf die Fälle, für die nach Auffassung der Ermittlungsbehörden genügend Beweise vorhanden waren. Petrovs musste sich somit wegen einer Serie von 13 Tötungsdelikten vor Gericht verantworten. Die Anklage stellte einen wichtigen Unterschied zur ursprünglichen Ermittlungsphase dar. Die hohe Zahl möglicher Opfer war auf eine deutlich kleinere Zahl von Fällen reduziert worden, die strafrechtlich verfolgt werden konnten. Die Entscheidung über seine Schuld lag nun beim Gericht.
Der Prozess gegen Kaspars Petrovs begann im Jahr 2004 vor dem Bezirksgericht Riga. Die Staatsanwaltschaft warf dem Angeklagten vor, 13 ältere Frauen getötet zu haben. Im Mittelpunkt standen die Spuren am jeweiligen Tatort, die gerichtsmedizinischen Befunde und die Verbindungen zwischen Petrovs und den Wohnungen der Opfer. Petrovs bestritt die Mordvorwürfe. Zwar räumte er bestimmte Straftaten ein, stellte jedoch die Verantwortung für die Tötungen in Frage. Das Gericht musste die einzelnen Fälle deshalb getrennt bewerten und prüfen, ob die vorhandenen Beweise für eine Verurteilung ausreichten. Die Verhandlung dauerte mehrere Monate. Dabei wurden zahlreiche Zeugen gehört und die Ergebnisse der umfangreichen kriminaltechnischen Untersuchungen erörtert. Am 12. Mai 2005 wurde schließlich das Urteil verkündet. Das Gericht befand Petrovs in allen 13 Mordfällen für schuldig und verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe. Damit wurde die Zahl von 13 Mordopfern erstmals durch ein Gericht verbindlich festgestellt. Die darüber hinaus untersuchten Todesfälle blieben außerhalb der strafrechtlichen Verurteilung.
Neben der lebenslangen Freiheitsstrafe wurde eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme angeordnet. Damit sollte Petrovs auch nach Verbüßung des eigentlichen Strafanteils nicht automatisch in Freiheit gelangen, ohne dass seine Gefährlichkeit weiter geprüft wurde. Die Entscheidung machte zugleich deutlich, dass die Ermittlungsbehörden und das Gericht die 13 nachgewiesenen Tötungen von den weiteren untersuchten Fällen unterschieden. Die ursprünglich wesentlich höhere Zahl möglicher Opfer wurde somit nicht Teil des Schuldspruchs. Petrovs legte gegen das Urteil Rechtsmittel ein. Das Verfahren wurde anschließend von höheren lettischen Gerichten überprüft. Die lebenslange Freiheitsstrafe blieb jedoch bestehen. Damit war die strafrechtliche Verantwortung für die 13 gerichtlich festgestellten Tötungen der zentrale Bezugspunkt für die weitere Haftzeit von Kaspars Petrovs.