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Rechtliches
Günter Lorenz – Der Dreifachmörder von Wien
Im Februar 1983 erschütterte ein Verbrechen Österreich bis ins Mark. Drei Menschen starben. Einer von ihnen wurde nach seinem Tod selbst zum Hauptverdächtigen gemacht. Der Täter war Günter Lorenz, ein damals 18-jähriger Österreicher aus Wels, der später als einer der berüchtigtsten Mörder der österreichischen Kriminalgeschichte gelten sollte. Was diesen Fall bis heute so verstörend macht, ist nicht nur die extreme Brutalität, sondern vor allem das fast vollständige Fehlen eines nachvollziehbaren Motivs. Diese True-Crime-Geschichte über Günter Lorenz, den „Dreifachmörder von Wien”, basiert ausschließlich auf belegbaren Fakten. Wo Ermittler oder Psychologen Schlussfolgerungen zogen, wird dies klar kenntlich gemacht.
Als Günter Lorenz Anfang der 1980er Jahre durch Wien ging, sah man in ihm kaum einen künftigen Mehrfachmörder. Er war jung, äußerlich unscheinbar und wirkte auf viele fast harmlos. Später bezeichneten Medien ihn als den „Killer mit dem Milchgesicht“ – ein Spitzname, der den Kontrast zwischen seinem jugendlichen Aussehen und seinen grausamen Taten beschrieb. Doch hinter der Fassade verbarg sich offenbar ein tief gestörter Geist. Bereits damals beschrieben Menschen aus seinem Umfeld ihn als emotional distanziert, schwer einschätzbar, kontrolliert und sozial auffällig. Später sollten psychiatrische Gutachten schwere Persönlichkeitsstörungen feststellen.
Das erste Opfer war Peter Daubinger, ein Jugendlicher im Alter von 16 bis 17 Jahren – je nach Quelle. Er war ein Cousin oder enger Bekannter von Lorenz. Am 9. Februar 1983 lockte Günter Lorenz ihn an ein abgelegenes Gelände nahe der Reichsbrücke in Wien. Dort erschoss er Peter mit drei Schüssen. Es handelte sich weder um einen spontanen Streit noch um ein Affektdelikt. Alles deutet auf ein kontrolliertes Vorgehen hin. Nachdem Peter tot war, schleifte Lorenz die Leiche in den Schnee und vergrub sie auf der Donauinsel beziehungsweise am Entlastungsgerinne. Damit hatte er seinen ersten Mord begangen. Doch das Grauen sollte noch weitergehen.
In den Tagen nach der Tat kehrte Lorenz zur Leiche zurück. Was dann geschah, gehört zu den verstörendsten Details des Falls. Er grub Peters Leiche wieder aus. Dann enthauptete er den Toten. Der Zweck war offenbar nicht allein Sadismus. Ermittler kamen später zu dem Schluss, dass Lorenz die spätere Identifizierung dadurch erschweren wollte. Vor allem aber verfolgte er einen perfiden Plan. Peter Daubinger sollte als Täter weiterer Morde erscheinen. Ein toter Junge sollte zum Sündenbock werden.
Sechs Tage später eskalierte die Gewalt schließlich. Tatort war eine Wohnung in der Ungargasse 12 im Wiener Bezirk Landstraße. Dort lebten Ursula Eckert (18), Lorenz’ Ex-Freundin, und Sieglinde Eckert (42/43), Ursulas Mutter. Lorenz betrat die Wohnung bewaffnet. Es handelte sich um einen umgebauten Karabiner 98k, ursprünglich ein deutsches Militärgewehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch das allein war nicht erschreckend genug. Lorenz hatte den Schaft gekürzt, eine improvisierte Schalldämmung angebracht und Explosivmunition bzw. Sprenggeschosse geladen. Diese Munition war so zerstörerisch, dass sie schwere Gewebeschäden verursachte. Dann schoss er beiden Frauen in den Kopf. Die Einschläge waren so verheerend, dass die Körper zunächst kaum unterscheidbar waren, wie Gerichtsmediziner später berichteten. Es war ein Massaker.
Nach den Morden präsentierte Lorenz den Ermittlern eine Geschichte. Demnach habe Peter Daubinger Ursula und Sieglinde getötet und sei dann geflohen. Peter habe Geld und die Tatwaffe mitgenommen. Zunächst glaubte die Polizei ihm. Die Folgen waren dramatisch. Österreichische Medien veröffentlichten Peters Bild. Zeitungen bezeichneten ihn als Mörder, Doppelmörder und Killer. Die Öffentlichkeit jagte einen Täter, der bereits tot im Schnee lag. Dieser Teil des Falls gilt bis heute als eines der gravierendsten Beispiele für mediale Vorverurteilung in Österreich.
Doch Lorenz beging Fehler. Die Ermittler bemerkten Widersprüche in seinen Aussagen, unstimmige Zeitangaben, verdächtiges Verhalten sowie den Besitz persönlicher Gegenstände der Opfer. Je länger die Verhöre dauerten, desto instabiler wurde seine Geschichte. Sein Alibi zerfiel. Schließlich brach er zusammen. Günter Lorenz gestand. Nicht nur den Doppelmord, sondern auch den Mord an Peter. Danach führte er die Ermittler zu der Leiche. Damit wurde klar. Der angebliche Täter war in Wahrheit das erste Opfer.
Die zentrale Frage bleibt bis heute unbeantwortet. Warum hat Günter Lorenz getötet? Ein klares Motiv konnte nie nachgewiesen werden. Es gab kein klassisches Raubmotiv, keinen finanziellen Nutzen, keinen akuten Streit als Auslöser und auch keinen eindeutigen Rachegrund. Lorenz selbst gab sinngemäß an, er habe die Opfer nicht gemocht und geglaubt, sie würden gegen ihn arbeiten. Ermittler interpretierten sein Handeln später als eine mögliche Mischung aus Kontrollbedürfnis, Machtfantasien, Paranoia und Lust am perfekten Verbrechen. All dies sind psychologische Deutungen, keine bewiesenen Tatsachen. Gerade das macht den Fall so unheimlich. Es scheint, als habe Lorenz nicht aus Not, Wut oder Habgier getötet. Sondern möglicherweise, weil er töten wollte.
Noch verstörender als die Taten selbst war Lorenz’ Verhalten danach. Zeugen, Ermittler und Gutachter beschrieben ihn als ruhig, kalt, kontrolliert und nahezu emotionslos. Reue? Kaum erkennbar. Eines der bekanntesten ihm zugeschriebenen Zitate lautet: „Was soll mir schon leidtun, wenn ich drei Leute umgebracht habe?“ Kurz vor seinem Geständnis soll er sich lächelnd für banale Dinge interessiert haben. Kann man im Gefängnis studieren? Gibt es dort Bücher? Kann man Sport treiben? Für die Ermittler wirkte dieses Verhalten erschreckend. Es wirkte, als existiere keine emotionale Verbindung zwischen Tat und Gewissen.
Im Verlauf des Verfahrens wurde Lorenz umfassend psychiatrisch untersucht. Dabei wurden unter anderem schwere Persönlichkeitsstörungen, eine emotionale Dysfunktion sowie psychische Auffälligkeiten festgestellt. Spätere Gutachten erwähnten zudem Hinweise auf paranoide Symptome, mögliche schizophrene Anteile sowie das Hören von Stimmen und Verfolgungsideen. Trotzdem galt er im Jahr 1984 als zurechnungsfähig. Das bedeutet, dass er das Unrecht seiner Taten verstand.
Im März 1984 musste sich Günter Lorenz in Wien vor Gericht verantworten. Aufgrund seines Alters war der Prozess juristisch besonders. Lorenz war zur Tatzeit erst 18 Jahre alt. Am 14./15. März 1984 wurde er zu 20 Jahren Freiheitsstrafe plus Unterbringung im Maßnahmenvollzug verurteilt. Viele wunderten sich über die scheinbar niedrige Strafe. Grund dafür war das österreichische Jugendstrafrecht. Sein Auftreten vor Gericht schockierte erneut. Er wirkte arrogant, spöttisch und überheblich. Ein berüchtigter Satz aus dem Verfahren war: „Mein Verteidiger ist psychotisch.“ Dieser Ausspruch wurde in Österreich jahrelang zitiert.
Lorenz hätte nach 20 Jahren eigentlich frei sein können. Doch dazu kam es nicht. Psychiatrische Gutachten stuften ihn wiederholt als gefährlich ein. Deshalb blieb er im Maßnahmenvollzug. Jahr für Jahr. Jahrzehnt für Jahrzehnt. Als ein neues Gutachten zu einem negativen Ergebnis kam und seine Entlassung erneut scheiterte, eskalierte die Situation. Lorenz schrie, randalierte, bedrohte eine Psychologin und zerstörte Mobiliar. Laut Berichten brauchte es sieben Justizbeamte, um ihn zu überwältigen. Danach wurde er in die Hochsicherheitsabteilung der Justizanstalt Stein verlegt. Dieses Ereignis verstärkte die Zweifel an seiner Entlassungsfähigkeit.
Im Jahr 2017 zog Lorenz vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er argumentierte, dass Österreich seine fortgesetzte Unterbringung rechtswidrig prüfe. Später stellte der Gerichtshof Verfahrensmängel nach Artikel 5 EMRK fest. Das bedeutete jedoch nicht, dass Lorenz ungefährlich war. Es bedeutete lediglich, dass die rechtliche Prüfung seiner Unterbringung nicht in allen Punkten korrekt abgelaufen war.
Günter Lorenz wurde im Oktober 2022 bedingt entlassen. Dies wurde 2023 öffentlich bekannt.
Seine Auflagen umfassten eine engmaschige Betreuung, Psychotherapie, psychiatrische Kontrollen, die Einnahme von Medikamenten und ein Alkohol- und Drogenverbot. Nach rund 39 Jahren im Gefängnis war der Dreifachmörder wieder auf freiem Fuß.
Aus vier Gründen gilt der Fall als einer der schlimmsten der österreichischen Kriminalgeschichte. Erstens die extreme Brutalität (Kopfschüsse, Sprengmunition, Enthauptung, massive Zerstörung der Körper). 2. Es gibt kein klares Motiv (die Morde wirken bis heute beinahe sinnlos). 3. Der tote Sündenbock: Ein Mordopfer wurde posthum als Täter diffamiert. 4. Der Täter selbst: Günter Lorenz blieb für viele Ermittler ein Rätsel. War er paranoid, sadistisch, psychotisch oder emotionslos? Oder alles zugleich?
Selbst Jahrzehnte später sind zentrale Fragen noch immer unbeantwortet. Was war sein wahres Motiv? Waren alle drei Morde lange geplant? Wie stark war seine psychische Erkrankung ausgeprägt? Empfand er jemals echte Reue? Vielleicht wird niemand diese Fragen je endgültig beantworten können. Sicher ist nur, dass Günter Lorenz im Februar 1983 Wien in den Schauplatz eines Albtraums verwandelte – eines Verbrechens, dessen Kälte und Grausamkeit Österreich bis heute nicht vergessen hat.