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Robert Joe Long: Der Familienvater, der nachts zum Monster wurde
Mitte der 1980er-Jahre schien in den Straßen von Tampa alles normal. Die Menschen gingen zur Arbeit, Jugendliche trafen Freunde und Familien verbrachten ihre Abende vor dem Fernseher. Doch während Florida schlief, jagte ein Mann durch die Nacht – unscheinbar, ruhig, beinahe gewöhnlich. Ein Mann, der nach außen hin wie ein normaler Familienvater wirkte. Sein Name war Robert Joseph Long, besser bekannt als Bobby Joe Long. Hinter der Fassade des verheirateten Vaters mit zwei Kindern verbarg sich einer der brutalsten Sexualserienmörder in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Ein Mann, dessen Verlangen nach Kontrolle, Macht und Gewalt eine Spur aus Vergewaltigung, Folter und Mord hinterließ. Mindestens zehn Frauen bezahlten mit ihrem Leben. Viele weitere überlebten nur knapp.
Robert Joseph Long wurde am 14. Oktober 1953 in Kenova geboren. Schon früh war sein Leben von Instabilität geprägt. Seine Eltern trennten sich, als er noch klein war. Zurück blieb ein Junge, der fast ausschließlich unter dem Einfluss seiner Mutter aufwuchs. Die Beziehung zu ihr wurde später von Psychologen als ungewöhnlich eng beschrieben – beinahe erdrückend. Long war übergewichtig, unsicher und wurde in seiner Jugend häufig gemobbt. Er galt als sozial isoliert und hatte Schwierigkeiten, Bindungen außerhalb seines Elternhauses aufzubauen. Zu den psychischen Belastungen kam eine medizinische Besonderheit hinzu: Long litt am Klinefelter-Syndrom, einer Chromosomenanomalie, die hormonelle und körperliche Veränderungen verursachen kann. Schon als Jugendlicher entwickelte er tiefe Scham, Wut und ein verzerrtes Selbstbild. Ein Motorradunfall im Jahr 1969 verschärfte die Situation. Nach einer schweren Kopfverletzung bemerkten Menschen in seinem Umfeld Veränderungen. Long wirkte impulsiver, aggressiver und emotional instabiler. Niemand ahnte, welches Monster sich langsam formte.
1974 heiratete er. Nach außen hin schien er ein gewöhnliches Leben zu führen. Ehemann, Vater. Arbeiter. Doch unter der Oberfläche brodelte etwas Dunkles. Long entwickelte zunehmend gewalttätige sexuelle Fantasien. In seiner Psyche begannen Gewalt und Sexualität miteinander zu verschmelzen. Was bei vielen Tätern zunächst in Fantasien beginnt, wurde bei ihm zur Realität. Er fing an, Frauen zu verfolgen. Zunächst beging er Übergriffe. Dann folgten Entführungen. Dann Vergewaltigungen. Schließlich Mord.
In den frühen 1980er-Jahren begann Long, systematisch Frauen ins Visier zu nehmen. Sein bevorzugtes Jagdgebiet war der Raum Tampa. Seine Opfer waren meist jung, allein unterwegs, sozial verletzlich und häufig Sexarbeiterinnen oder Frauen in prekären Lebenssituationen. Long nutzte sein Auto als Waffe. Er sprach Frauen an, bot ihnen eine Mitfahrgelegenheit an oder täuschte Hilfsbereitschaft vor. Sobald das Opfer in seinem Wagen saß, kippte die Situation. Dann begann der Horror.
Long wollte mehr als nur Sex. Er wollte Kontrolle. Er wollte Angst. Er wollte totale Macht. Die Frauen wurden gefesselt, bedroht, misshandelt und vergewaltigt. Viele von ihnen wurden stundenlang terrorisiert. Später kamen Ermittler und Psychiater zu dem Schluss, dass Long starke sadistische Tendenzen zeigte. Die Gewalt war nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern Teil seiner sexuellen Erregung. Seine Morde folgten oft demselben Muster: Zunächst wählte er seine Opfer aus, dann nahm er sie in seinem Fahrzeug mit, kontrollierte sie durch Gewalt, folterte sie sexuell, tötete sie und legte die Leichen ab. Er hinterließ die Leichen an abgelegenen Orten in Florida. Mit jedem Mord wurde er gefährlicher. Mit jedem Opfer wurde er selbstsicherer.
Zwischen 1984 und 1985 häuften sich die Leichenfunde. Junge Frauen verschwanden. Später wurden ihre Körper gefunden. Zu den bekannten Mordopfern zählen Michelle Simms, Vicki Elliot, Nancy Boggs, Virginia Johnson, Linda Gross, Ann Colonna, Helen Holmes, Michelle Kubeck, Deanna Cremin und Kathy Mary. Mindestens zehn dieser Frauen wurden Robert Long eindeutig zugeordnet. Schon damals vermuteten Ermittler, dass die wahre Zahl höher liegen könnte.
Serienmörder werden nicht durch Perfektion gestoppt. Sondern durch einen Fehler. Longs Fehler hieß Lisa McVey. Im November 1984 entführte er die 17-Jährige. Wie viele vor ihr wurde sie in sein Auto gezwungen. Sie wusste, dass Panik sie töten könnte. Also tat sie etwas Außergewöhnliches. Sie beobachtete. Alles. Gerüche. Geräusche. Straßengeräusche. Flugzeuge. Kurven. Gespräche. Während Long glaubte, ein weiteres Opfer unter Kontrolle zu haben, sammelte Lisa Informationen. Sie überlebte. Und sie erinnerte sich an jedes Detail.
Nachdem Long sie freigelassen hatte, ging Lisa sofort zur Polizei. Anfangs glaubte man ihr nicht vollständig. Doch sie blieb hartnäckig. Ihre Beschreibung war präzise. Sie nannte Fahrzeugdetails, berichtete von Fluglärm in Wohnnähe, nannte Fahrtrouten und beschrieb das Täterverhalten. Die Hinweise führten die Ermittler direkt in die richtige Gegend. Bald fiel der Verdacht auf Robert Long. Am 16. November 1984 klickten die Handschellen. Die Jagd war vorbei.
Bei der Durchsuchung fanden die Ermittler belastendes Material und forensische Spuren, die Long mit mehreren Taten in Verbindung brachten. Unter dem Druck der Beweise brach er sein Schweigen. Long gestand. Er gab Vergewaltigungen, Entführungen und Morde zu. Ihm konnten mindestens zehn Tötungen zugeordnet werden, doch viele Ermittler glaubten, dass dies nur ein Teil seines wahren Ausmaßes war. Denn Long hatte über Jahre hinweg mindestens 50 Frauen vergewaltigt. Möglicherweise sogar mehr.
Im Prozess wurde die ganze Brutalität seiner Taten deutlich. Zeugen schilderten Angst, Gewalt und psychische Folter. Forensiker rekonstruierten die Abläufe. Überlebende berichteten von unvorstellbarem Terror. Die Jury sprach ein eindeutiges Urteil. Schuldig. Robert Joe Long wurde mehrfach zu lebenslanger Haft sowie zur Todesstrafe verurteilt. Er kam in die Todeszelle des Florida State Prison. Dort blieb er jahrzehntelang. Mehr als drei Jahrzehnte saß Long in der Todeszelle. 34 Jahre. Zeit genug, um über seine Taten nachzudenken. Oder sie zu verdrängen.
Am 23. Mai 2019 wurde das Urteil gegen ihn vollstreckt. Robert Joe Long starb im Alter von 65 Jahren durch eine letale Injektion. Kurz vor seinem Tod entschuldigte er sich bei den Angehörigen seiner Opfer. Ob seine Worte echte Reue waren, wird niemand je mit Sicherheit wissen.
Robert Joe Long war mehr als nur ein Mörder. Er war ein organisierter Sexualstraftäter. Ein Mann mit zwei Gesichtern. Tagsüber Familienvater. Nachts war er Jäger. Sein Fall zeigt ein erschreckendes Muster, das Kriminalpsychologen immer wieder beobachten. Nicht jedes Monster sieht aus wie eines. Manche von ihnen leben mitten unter uns. Und manchmal braucht es nur ein einziges überlebendes Opfer, um das Böse zu stoppen. Im Fall von Robert Joe Long war dieses Opfer Lisa McVey. Ohne ihren Mut hätte Long womöglich noch viele weitere Menschen getötet.
Robert Joe Long ist einer der erschütterndsten Fälle von sexualisierter Seriengewalt in der amerikanischen Kriminalgeschichte.