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Samuel Little: Der Mann, der Jahrzehnte lang unentdeckt tötete
Als die Ermittler im Jahr 2018 einem inzwischen fast achtzigjährigen, gebrechlichen Häftling gegenübersaßen, ahnten sie bereits, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun hatten. Doch niemand konnte erahnen, welches Ausmaß die folgenden Geständnisse annehmen würden. Der Mann hieß Samuel Little. Er war unter dem Namen Samuel McDowell geboren worden und bereits wegen dreier Morde verurteilt worden. Nun begann er, von weiteren Taten zu sprechen. Zunächst zögerlich, dann immer detaillierter. Er erinnerte sich an Gesichter, Fahrzeuge, Straßenzüge und Begegnungen, die Jahrzehnte zurücklagen. Schließlich nannte er eine Zahl, die selbst erfahrene Ermittler erschütterte: 93 Morde.
Heute geht das FBI davon aus, dass seine Aussagen glaubwürdig sind. Mehr als sechzig seiner Geständnisse konnten bereits unabhängig voneinander bestätigt werden. Sollte sich der Rest ebenfalls verifizieren lassen, wäre Little der tödlichste bekannte Serienmörder in der Geschichte der amerikanischen Kriminalität. Die Geschichte basiert auf öffentlich belegten Ermittlungsakten, Gerichtsunterlagen, Angaben des FBI und offiziellen Aussagen der Strafverfolgungsbehörden.
Samuel McDowell wurde am 7. Juni 1940 in Reynolds im US-Bundesstaat Georgia geboren. Über seine frühen Lebensjahre existieren unterschiedliche Berichte. Sicher ist, dass er einen erheblichen Teil seiner Kindheit bei seiner Großmutter in Lorain, Ohio, verbrachte. Seine familiären Verhältnisse waren instabil. Bereits als Jugendlicher zeigte sich ein Muster, das sein späteres Leben prägen sollte: Konflikte mit Autoritäten, Schulprobleme und wiederholte Straffälligkeit.
In den folgenden Jahrzehnten wurde Little immer wieder festgenommen. Die Delikte reichten von Diebstahl und Betrug bis hin zu Körperverletzungen und Drogendelikten. Dabei ist ein Umstand wichtig: Obwohl er über Jahrzehnte hinweg regelmäßig mit dem Gesetz in Konflikt geriet, erkannte niemand, dass sich hinter dem Kleinkriminellen möglicherweise ein Serienmörder verbarg.
Little gab später an, dass er Anfang der 1970er-Jahre mit dem Töten begonnen habe. Die genaue Zahl seiner Opfer aus dieser frühen Phase wird möglicherweise nie vollständig geklärt werden können. Viele der betroffenen Frauen verschwanden zu einer Zeit, in der es noch keine nationalen Datenbanken für Vermisste gab und Polizeibehörden selten über Bundesstaatsgrenzen hinweg zusammenarbeiteten. Die Frauen, die Little auswählte, hatten häufig ähnliche Lebensumstände. Viele von ihnen lebten am Rand der Gesellschaft. Einige waren obdachlos. Andere kämpften mit Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Wieder andere arbeiteten zeitweise als Prostituierte. Diese Tatsache ist vollständig dokumentiert. Warum Little gerade diese Opfer auswählte, lässt sich jedoch nur teilweise beantworten. Belegbar ist lediglich, dass ein großer Teil seiner Opfer diesem Muster entsprach. Kriminalpsychologen vermuten häufig, dass diese Frauen für ihn leichter zugänglich waren und ihr Verschwinden weniger Aufmerksamkeit erzeugte. Dies ist jedoch eine kriminalistische Interpretation und keine von Little selbst belegte Aussage.
Samuel Little verwendete in der Regel keine Schusswaffen und nur selten Messer. Stattdessen griff er seine Opfer mit bloßer Körperkraft an. Die meisten bekannten Opfer wurden erdrosselt oder erwürgt. Dadurch war die Todesursache oft schwer eindeutig festzustellen. Viele Opfer wiesen keine spektakulären Verletzungen auf. Einige Leichen wurden erst Tage oder Wochen später entdeckt. In mehreren Fällen gingen die Ermittler zunächst von Überdosierungen, Alkoholmissbrauch oder natürlichen Todesursachen aus. Erst Jahre später wurden zahlreiche dieser Fälle neu bewertet. Dass Little bevorzugt durch Erdrosseln tötete, ist durch Gerichtsunterlagen, Autopsieberichte und seine eigenen Geständnisse belegt.
Anders als andere Serienmörder, die oft in einer Region aktiv bleiben, führte Little ein nomadisches Leben. Er zog durch zahlreiche Bundesstaaten der USA. Er arbeitete gelegentlich als Wanderarbeiter, hielt sich in Motels auf und lebte von Gelegenheitsjobs. Dabei war er ständig unterwegs. Dadurch entstand für die Ermittler ein enormes Problem. Selbst wenn in einer Stadt ein Mord geschah, gab es häufig keine Verbindung zu ähnlichen Taten hunderte oder tausende Kilometer entfernt. Aus heutiger Sicht erscheint dieses Muster auffällig. Damals arbeiteten Polizeibehörden jedoch weitgehend getrennt voneinander. Genau deshalb blieb Little über Jahrzehnte unentdeckt.
Ein besonders bemerkenswerter Aspekt seiner Geschichte ist, dass Little wiederholt verhaftet wurde. Ihm wurden mehrfach Gewalttaten gegen Frauen vorgeworfen. Er saß immer wieder im Gefängnis. Trotzdem gelang es nie, ihn mit den zahlreichen ungeklärten Tötungsdelikten in Verbindung zu bringen. Aus heutiger Perspektive wirkt dies wie ein Versagen des Systems. Diese Einschätzung findet sich auch in späteren Analysen verschiedener Ermittler. Es handelt sich hierbei allerdings um eine nachträgliche Bewertung und nicht um eine juristisch festgestellte Tatsache. Fest steht lediglich, dass Little trotz zahlreicher Verhaftungen über Jahrzehnte hinweg nicht als Serienmörder identifiziert wurde.
Der Wendepunkt kam im Jahr 2012, als Little in Kentucky wegen Drogendelikten festgenommen wurde. Wie inzwischen üblich wurde seine DNA erfasst und mit bestehenden Datenbanken abgeglichen. Dabei ergaben sich Treffer in ungeklärten Mordfällen aus Kalifornien. Daraufhin begannen Ermittler, seine Vergangenheit genauer zu untersuchen. Die Hinweise verdichteten sich schnell. Schließlich wurde Little nach Kalifornien überstellt und wegen dreier Morde angeklagt.
Im Jahr 2014 wurde Samuel Little vor Gericht für schuldig befunden. Die Opfer waren drei Frauen: Carol Alford, Audrey Nelson und Guadalupe Apodaca. Es handelte sich um Carol Alford, Audrey Nelson und Guadalupe Apodaca. Alle drei Frauen waren in den 1980er-Jahren ermordet worden. Die Beweislage basierte hauptsächlich auf DNA-Spuren. Little wurde zu mehreren lebenslangen Freiheitsstrafen ohne Aussicht auf Entlassung verurteilt. Für die Angehörigen bedeutete das Urteil das Ende jahrzehntelanger Ungewissheit. Für die Ermittler begann jedoch erst jetzt die eigentliche Aufklärungsarbeit.
Im Gefängnis lernte Little den Texas Ranger James Holland kennen. Holland entwickelte eine ungewöhnliche Strategie. Anstatt den Gefangenen aggressiv zu verhören, ließ er ihn über sein Leben sprechen. Little genoss die Aufmerksamkeit. Nach und nach begann er, über weitere Opfer zu reden. Was zunächst wie Prahlerei wirkte, entwickelte sich zu einem der außergewöhnlichsten Serienmörder-Geständnisse der Kriminalgeschichte. Little erinnerte sich an Orte, Straßennamen, Fahrzeugtypen und körperliche Merkmale seiner Opfer. Immer wieder überprüften Ermittler seine Aussagen. Und immer wieder fanden sie Übereinstimmungen mit realen, noch nicht aufgeklärten Fällen.
Besonders verblüffend war Littles Zeichentalent. Während der Vernehmungen fertigte er zahlreiche Porträts von Frauen an, die er eigenen Angaben zufolge getötet hatte. Viele dieser Morde lagen Jahrzehnte zurück. Trotzdem konnte er sich an Frisuren, Gesichtsformen und Kleidungsstücke erinnern. Das FBI veröffentlichte später viele dieser Zeichnungen. Dadurch konnten mehrere Opfer identifiziert werden. Warum Little sich so viele Details merken konnte, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Eine mögliche Erklärung lautet, dass die Morde für ihn persönlich bedeutsame Ereignisse waren und deshalb besonders stark im Gedächtnis gespeichert wurden. Diese Erklärung wird von Kriminalpsychologen diskutiert, ist jedoch keine belegte Tatsache.
Am Ende seiner Gespräche mit den Ermittlern gestand Samuel Little, insgesamt 93 Morde begangen zu haben. Diese Zahl sorgte weltweit für Schlagzeilen. Das FBI begann daraufhin eine umfassende Überprüfung sämtlicher Aussagen. Bis heute wurden mehr als sechzig Geständnisse bestätigt. Das FBI erklärte öffentlich, dass es alle 93 Geständnisse für glaubwürdig hält. Wichtig ist jedoch eine genaue Unterscheidung. Es gibt nicht 93 gerichtliche Verurteilungen. Belegt sind 93 Geständnisse. Die Zahl der vollständig bestätigten Fälle liegt derzeit deutlich darunter. Dennoch betrachten Ermittler Little als den wahrscheinlich tödlichsten bekannten Serienmörder der Vereinigten Staaten.
Mit zunehmendem Alter verschlechterte sich Littles Gesundheitszustand erheblich. Er litt unter verschiedenen chronischen Erkrankungen und war zeitweise auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er im Gefängnis. Am 30. Dezember 2020 starb er im Alter von 80 Jahren in einem Krankenhausgefängnis in Kalifornien.
Der Fall Samuel Little hat die Arbeit amerikanischer Ermittlungsbehörden nachhaltig verändert. Er machte deutlich, wie leicht Morde an sozial isolierten Menschen übersehen werden können. Zugleich wurde die Bedeutung moderner DNA-Technologie und bundesweiter Datenbanken deutlich. Vor allem aber machte er deutlich, dass ungelöste Verbrechen jahrzehntelang verborgen bleiben können. Bis heute arbeiten Ermittler daran, weitere Opfer zu identifizieren. Noch immer gibt es Fälle, die möglicherweise mit Samuel Little in Verbindung stehen. Mehr als fünfzig Jahre nach seinen ersten bekannten Taten ist seine Geschichte deshalb noch nicht vollständig abgeschlossen. Fest steht jedoch bereits jetzt: Samuel Little war kein gewöhnlicher Serienmörder. Er war ein Täter, der sich über Jahrzehnte hinweg nahezu unsichtbar durch die Vereinigten Staaten bewegte und dessen wahres Ausmaß erst ans Licht kam, als seine Mordserie bereits beendet war.
Die genaue Zahl seiner Opfer wird möglicherweise niemals mit absoluter Sicherheit festgestellt werden können. Doch allein die belegbaren Fakten machen seinen Fall zu einem der erschütterndsten Kapitel der amerikanischen Kriminalgeschichte.