Tatzeitraum & Opfer
Modus Operandi & Motive
Rechtliches
Joachim Georg Kroll – Der „Ruhrkanibale“
Mehr als zwei Jahrzehnte lang bewegte sich ein unscheinbarer Mann durch das Ruhrgebiet, ohne dass jemand ahnte, welches dunkles Geheimnis er verbarg. Er lebte in einfachen Verhältnissen, arbeitete gelegentlich als Hilfsarbeiter und fiel seinen Nachbarn kaum auf. Doch hinter der Fassade des stillen Einzelgängers verbarg sich einer der berüchtigtsten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte: Joachim Georg Kroll.
In den 1950er- und 1970er-Jahren verschwanden Kinder, junge Frauen und Mädchen. Einige wurden tot aufgefunden, andere Fälle blieben jahrelang ungelöst. Zunächst erkannte niemand einen Zusammenhang. Die Taten lagen räumlich und zeitlich weit auseinander. Erst nach seiner Festnahme offenbarte sich das Ausmaß seiner Verbrechen.
Kroll wurde am 17. April 1933 in Hindenburg in Oberschlesien geboren. Seine Kindheit war geprägt von Armut, Krieg und sozialer Verwahrlosung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde seine Familie vertrieben und ließ sich schließlich im Ruhrgebiet nieder. Spätere psychiatrische Gutachten beschrieben ihn als intelligenzgemindert, sozial unbeholfen und emotional unreif. Bereits in jungen Jahren entwickelte er sexuelle Fantasien, die zunehmend mit Gewalt verbunden waren.
Sein erster nachweisbarer Mord ereignete sich Mitte der 1950er-Jahre. Die Tat folgte einem Muster, das sich in den kommenden Jahrzehnten immer wiederholen sollte: Kroll suchte sich ein Opfer, das sich allein befand, überwältigte es sexuell und tötete es anschließend durch Erdrosseln oder Erwürgen. Die Tötung selbst war den Ermittlungen zufolge häufig Teil seiner sexuellen Erregung.
Im Gegensatz zu vielen anderen Serienmördern plante Kroll seine Taten nicht langfristig. Er führte keine Listen, entwickelte keine komplexen Strategien und hinterließ keine Botschaften. Seine Opfer wählte er meist zufällig aus, sobald sich eine Gelegenheit bot. Gerade diese Unberechenbarkeit erschwerte es den Ermittlern über Jahre hinweg, die Taten aufzuklären.
Im Laufe der Zeit steigerte sich seine Gewalt. Nach mehreren Taten begann er, Leichen zu verstümmeln. Später gestand er, bei einigen Opfern Körperteile entfernt und verzehrt zu haben. Diese Aussagen wurden teilweise durch kriminaltechnische Befunde bestätigt. Sein späterer Medienbeiname „Ruhrkanibale“ geht auf diese nachgewiesenen Handlungen zurück.
Während sich die ungelösten Mordfälle über ganz Nordrhein-Westfalen verteilten, führte Kroll nach außen hin ein unauffälliges Leben. Niemand in seinem Umfeld brachte ihn ernsthaft mit den Verbrechen in Verbindung. Die Ermittlungen verliefen über Jahre hinweg ergebnislos. Das Ende seiner Mordserie kam schließlich nicht durch eine gezielte Fahndung, sondern durch einen außergewöhnlichen Zufall.
Am 3. Juli 1976 lockte Kroll die vierjährige Marion Ketter in seine Wohnung in Duisburg-Laar. Dort missbrauchte und tötete er das Kind. Anschließend begann er, Teile der Leiche zu zerstückeln. Er wollte das Fleisch des Opfers später zubereiten.
Währenddessen bemerkten Nachbarn, dass die Abflussrohre des Hauses verstopft waren. Ein herbeigerufener Installateur untersuchte die Leitungen und stieß dabei auf menschliche Gewebereste. Die Polizei wurde alarmiert. Als die Beamten die Wohnung durchsuchten, fanden sie Hinweise auf das Verbrechen und nahmen Joachim Kroll noch am selben Tag fest.
In den folgenden Vernehmungen geschah etwas, das selbst die erfahrenen Kriminalbeamten erschütterte. Kroll begann, über zahlreiche weitere Taten zu sprechen. Nach und nach gestand er eine lange Reihe von Morden, die teilweise Jahrzehnte zurücklagen. Viele Details konnten mit alten Ermittlungsakten abgeglichen werden. Einige dieser Fälle galten bis dahin als ungelöst.
Nun ergab sich das Bild eines Serienmörders, der über mehr als zwanzig Jahre hinweg immer wieder getötet hatte, ohne entdeckt zu werden.
Im Jahr 1981 begann vor dem Landgericht Duisburg der Prozess gegen Joachim Kroll. Zahlreiche Sachverständige untersuchten seine Persönlichkeit und seinen geistigen Zustand. Obwohl die Gutachter eine deutliche Intelligenzminderung sowie schwere sexuelle Abweichungen feststellten, kamen sie übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Kroll schuldfähig war. Er habe gewusst, dass seine Taten Unrecht waren, und sei grundsätzlich in der Lage gewesen, sein Verhalten zu kontrollieren.
Joachim Georg Kroll wurde am 8. April 1982 wegen mehrfachen Mordes und weiterer schwerer Straftaten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest.
Neun Jahre später, am 1. Juli 1991, starb Kroll im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg an einem Herzinfarkt.
Bis heute gilt sein Fall als einer der verstörendsten in der deutschen Kriminalgeschichte. Die Kombination aus Sexualmorden, jahrzehntelanger Unentdecktheit, nachgewiesenem Kannibalismus und der zufälligen Aufdeckung seiner letzten Tat macht ihn zu einer der berüchtigtsten Figuren der deutschen True-Crime-Geschichte.